„Schrift“ als Methode / Universität als „Ort“

Willkommen in der Philosophischen Fakultät (jap.: Bun-gakubu, engl.: Faculty of Letters), an der man die „Schrift“ (Bun) erforscht. Die vom Menschen geschaffenen „Worte“ haben die Kraft, intrikate Konzepte und komplexe Gefühle zu beleuchten und vermitteln einzelnen Körpern einen Eindruck der Resonanz und des Verstehens. Sie ermöglichen offenbar die auf Vertrauen beruhende Zusammenarbeit mit Anderen und erlauben die Artikulation des individuellen und unersetzbaren Subjekts. Durch das Medium der Sprache hat der Mensch, ein seltsames und wundersames Wesen, seine „Ideen“ von Wahrheit und Gerechtigkeit hoch entwickelt, phantasiereich gewobene Werke der „Literatur“ geschaffen, „Geschichte“ aus Erinnerungen und Tatsachen gewoben und „Gesellschaft“ aus Räumen gemeinsamer Erfahrung gebildet. Die Graduiertenschule für Geisteswissenschaften und Soziologie, oberhalb der Fakultät angesiedelt und ihre Abteilungen zusammenfassend, ist ein Ort des Lernens in der Tiefe und Breite, wo wir den Menschen und seine Gesellschaft zu entschlüsseln versuchen.

Die Worte haben eine physische Kraft, uns zu bewegen. Als Mittelschüler habe ich vor einer Buchhandlung in einen Gedichtband von Tanikawa Shuntarō (Tanikawa Shuntarō Shishu) hineingelesen. Ich fühlte meinen Körper zittern. Wie konnten die bloßen, auf Papier gedruckten Worte meinen Körper so stark in Schwingung versetzen? Das verwunderte mich. Ich kann mich nicht mehr erinnern, um was für ein Gedicht und was für einen Vers es sich handelte. Ich habe ein Exemplar des Buches gefunden und das Gedicht zu identifizieren versucht, doch es gelang mir nicht, den Gefühlen vor 45 Jahren wieder zu begegnen. Ich wurde ein wenig traurig, als hätte ich etwas Wichtiges verloren. Dennoch besitzen Worte die Kraft, einen Menschen in seinem Inneren zu ergreifen, und sie spielen eine unerlässliche Rolle, um die menschliche Gesellschaft aufzurichten. Daran habe ich keinen Zweifel.

Die Quellen dieser Kraft lassen sich mit drei Verben erfassen: „mitteilen“, „denken“ und „fühlen“. Es sind nur Gegenstände von passendem Gewicht und passender Größe, die man tatsächlich in der Hand halten und weitergeben kann. Im Unterschied dazu tragen die Worte gewissermaßen auch Gegenstände, die wirkliche Hände nicht ergreifen können. Sie verleihen uns „eine andere Hand“, die auf Bedeutungen, Bewusstsein und Bilder direkt zugreift und sie „mitteilt“ und überliefert.

Die Worte erfüllen aber noch andere Funktionen. Sie ermöglichen die Aktivität des „Denkens“. Das heißt, sie können Erinnerungen an eine Situation in die Schwingungen einer Stimme eintragen, sie können sie als eine Erfahrung bewahren und in die Schrift übertragen. Das Geschriebene wiederum kann befragt, aufs Neue bearbeitet und nach Ideen bzw. Idealbildern umgeschrieben werden. Die Verbreitung von Schrift und Büchern ist nicht lediglich die Geschichte eines Aufbaus externer Gedächtniskapazitäten. Die Worte stellen „ein anderes Gehirn“ dar, das weit über unsere individuellen Körper hinausgeht und Gedanken gesellschaftlicher Zusammenarbeit ermöglicht.

Obwohl leicht zu übersehen, ist auch die Dimension des „Fühlens“ hier von Belang. Die Haut befindet sich zwischen dem Ich und seiner Umwelt: eine weiche Hülle, die das Selbst umgibt. Sie fungiert zugleich als ein Sensor, der der Außenwelt fühlt. Durch diese Membran hindurch erfühlt und unterscheidet man Schmerz, Temperatur und Druck. Mit den Worten ist es ähnlich. Deshalb fühlt man sich durch sie verletzt oder durch ihre Wärme geheilt. Sie können als ein in den gesellschaftlichen Raum ausgedehnter Körper gelten und bezeichnen „eine andere Haut“, die den Wärmegrad, die Stärke und die Schärfe der Worte selbst verzeichnet.

Demnach wäre es eine Banalisierung, wenn man die „Schrift“ nur als Mittel der Informationsübertragung verstehen wollte. Weil Worte ein Medium sind, welches das innere Phänomene des Denkens vermittelt, und indem sie den Einzelnen ein Medium zur Verfügung stellen, die Realität der äußeren Welt zu erfassen, haben sie die Kraft, die in den individuellen Körpern wurzelnden Erfahrungen in einem größeren sozialen Bewusstsein zusammenzufassen. Darüber hinaus haben sie die Kraft, uns mit dem Unbekannten und Unverständlichen zu konfrontieren, dieses ins Klare zu bringen, die Risse und Inkonsistenzen des Alltagswissens, auf das wir uns verlassen, zu verdeutlichen und konstruktive Energien durch Logik freizusetzen. In diesem Sinne sind die Worte ein unentbehrliches Werkzeug für die Praxis des Lernens und bilden die Grundlage der Abschlussarbeiten (Sotsugyo-Ronbun), die von den Bachelor- und Master-Studierenden für ihren Studienabschluss verlangt werden.

Jetzt erinnere ich mich auch an die Stelle aus dem von mir so lange vergessenen Gedichtband. Sie dient als Willkommensgruß an Sie alle. Das bekannte Gedicht drückt die Trauer um einen jungen Hund namens „Nero“ aus, der nur zwei Sommer erlebt hat. Diesem kleinen gestorbenen Freund flüstert ein Junge zu, der schon achtzehn Sommer gesehen hat. Es werde ein weiterer Sommer kommen, spricht das Ich, aber es werde ein anderer Sommer sein ohne ihn. Ein ganz anderer Sommer. Er werde in diesem Sommer sicher viele neue Dinge kennenlernen. „Schöne Dinge, hässliche Dinge, erfrischende Dinge, betrübende Dinge.“ Und er fragt sich: „Was sind sie? Warum sind sie? Was soll ich tun?“ An diese schlichten Fragen schließt sich ein frischer Entschluss an: „Ich gehe doch schließlich weiter.“ Der Grund dieser Entschließung ist einfach und schön: „Damit ich für mich meine Frage beantworte.“

In schwierigen Zeiten werden Sie, wenn Sie sich vor dem Unbekannten nicht fürchten und sich dem Unverständlichen stellen, in den Worten, über die Sie verfügen, und in den Freundschaften, die Sie mit Anderen schließen, Unterstützung finden. Ich schließe mein Grußwort mit dem Wunsch, dass Ihr Studium in dieser Fakultät und Graduiertenschule so sinnvoll, frei und intellektuell bereichernd sein möge, dass es an die menschheitsgeschichtliche Tiefe der Worte, an die Verschlingung und Schichtung der Gefühle und an die große Vielfalt des menschlichen Zusammenlebens heranreicht.


Dekan der Philosophischen Fakultät und der
Graduiertenschule für Geisteswissenschaften und Soziologie
Kenji SATO