Zwischen der Ewigkeit und dem Nichts

56. Dekan der philosophischen Fakultät Noburu Noutomi

Nicht selten behandelt die Philosophie die Ewigkeit oder das Nichts. Ewigkeit bedeutet dabei nicht einfach eine unendliche Zeitspanne, sondern einen Hintergrund jenseits der Zeit, vor dem die Zeit als Idee erst Gestalt gewinnt. Bei dem Nichts wiederum handelt es sich nicht einfach um die Abwesenheit wie beim Verlegen eines Buches oder dem Vergangensein einer Blume, die gestern noch blühte. Es geht um das absolute Nichts, einem wahren Nichts, von dem man nie sprechen und das man nie zeigen kann. Man könnte freilich erwidern: „Es ist doch keine Frage, dass wir da sind, im Hier und Jetzt des Jahres 2023!“ Doch der Versuch als solcher, unser Sein im Hier und Jetzt zu begreifen, betrifft bereits die Ewigkeit und das Nichts. Warum?

Zur Philosophischen Fakultät gehören so verschiedene Fächer wie Philosophie, Geschichte, Literatur oder Soziologie und Psychologie. Sie ist nicht der Ort, um unmittelbare Antworten auf die Herausforderungen unserer Zeit zu geben. Es wäre problematisch, von der Philosophischen Fakultät Lösungen oder praktisches Wissen im Hinblick auf die zahllosen gravierenden Probleme unserer Zeit wie den Klimaschutz, Pandemien, Ernährung, kriegerische Auseinandersetzungen, soziale Ungleichheit und psychische Gesundheit vorzulegen.

Die Geisteswissenschaften besitzen allerdings eine große Bedeutung für das Nachdenken über unserer gesellschaftlichen Grundlagen, für einen nüchternen Blick darauf, wo wir aktuell stehen und worauf wir uns zubewegen. Es geht um Distanznahme, darum, einen Schritt zurückzutreten und Basisreflexionen anzustellen. Wer mitten im Problem steckt, kann keinen Überblick darüber gewinnen, worin das Problem besteht, oder wissen, wer wir sind. Es ist die Aufgabe unserer Fächer, in einer weiten historischen und kulturellen Perspektive darüber nachzudenken, was es bedeutet, heute in unserer Welt zu leben. In der tiefsten Tiefe des Horizonts geht es um die Perspektiven von Ewigkeit und Nichts.

„Wie kann man aber über das absolute Nichts sprechen, wenn es, wie zuvor gesagt, unaussprechlich ist?“ Auch dies ist ein scharfsinniger Hinweis. Eine Geisteswissenschaft wie die Philosophie ist jedoch ein Raum für die Herausforderung, Unaussprechliches auszusprechen, Unsichtbares zu sehen und Unerwartetes zu erwarten.

Was macht dies möglich? Es ist die Sprache. Sie ist machtvoll und gibt uns die Möglichkeit, die Menschen und ihre Welt zu verändern. Sie schlecht zu gebrauchen, bedeutet eine Verarmung des Lebens und der Gesellschaft. Wenn wir beispielsweise einfache Lösungen suchen oder von pauschalem Denken ausgehen, verlieren wir aus den Augen, was wichtig ist. Am Ende würde uns die Welt unerträglich. Um dies zu vermeiden, ist es entscheidend, eine Anschauung vom Dasein der Menschheit unter dem Gesichtspunkt der Ewigkeit zu gewinnen und unsere Lebens- und Arbeitsstätten, in Japan und der Welt, aus der Perspektive des Nichts zu bewerten: Es ist die kühne Herausforderung, das Unaussprechliche mit der Sprache zu erfassen.

Von der Suche nach einem Gegenstand unseres Lebens getrieben, zwischen der Ewigkeit und dem Nichts, befinden wir uns auf unserem Lebensweg. Lassen Sie uns in unserer Fakultät über unser Dasein philosophieren, um besser zu leben.

 

56. Dekan der philosophischen Fakultät

Noburu Noutomi